Präsentismus: Ursachen, Kosten & Gegenmaßnahmen

HR Prozesse
Kranker Mitarbeiter arbeitet trotz Erkrankung am Schreibtisch – Präsentismus

Präsentismus bezeichnet das Phänomen, dass Arbeitnehmer trotz Krankheit oder gesundheitlicher Einschränkungen zur Arbeit erscheinen und dabei deutlich eingeschränkt leistungsfähig sind.

Wer krank zur Arbeit kommt, leistet dem Unternehmen einen Gefallen? Falsch – Präsentismus ist eines der teuersten und am meisten unterschätzten Produktivitätsprobleme in deutschen Unternehmen. Studien zeigen: Präsente, aber kranke Mitarbeiter kosten Unternehmen mehr als Abwesenheiten. Was steckt hinter dem Begriff? Was sind die Ursachen? Und wie können Arbeitgeber gegensteuern?

Was ist Präsentismus? Definition

Präsentismus bezeichnet das Phänomen, dass Arbeitnehmer trotz Erkrankung, gesundheitlicher Einschränkungen oder anderer Beeinträchtigungen zur Arbeit erscheinen – obwohl sie eigentlich krank sein sollten. Der Begriff ist das Gegenteil von Absentismus (unentschuldigtes Fehlen) und beschreibt die physische Anwesenheit bei gleichzeitig deutlich eingeschränkter Leistungsfähigkeit.

Präsentismus betrifft nicht nur körperliche Erkrankungen – auch psychische Belastungen wie Burnout, Depressionen, Stress oder Schlafmangel führen dazu, dass Mitarbeiter zwar anwesend, aber nicht wirklich produktiv sind.

Warum ist Präsentismus teurer als Absentismus?

Auf den ersten Blick scheint ein anwesender Mitarbeiter besser als ein fehlender. Doch die Realität sieht anders aus:

  • Produktivitätsverlust: Kranke Mitarbeiter arbeiten langsamer, machen mehr Fehler und treffen schlechtere Entscheidungen. Studien schätzen, dass Präsentismus die Produktivität um 30–60 % senken kann.
  • Ansteckungsrisiko: Infizierte Mitarbeiter stecken Kollegen an – was zu Folgeausfällen führt, die das Problem potenzieren.
  • Verlängerte Krankheitsdauer: Wer krank arbeitet, erholt sich schlechter – die Erkrankung dauert länger und wird schlimmer.
  • Fehler und Qualitätsprobleme: Eingeschränkte Konzentration führt zu Fehlern, die nachgearbeitet oder behoben werden müssen.
  • Langfristige Gesundheitsschäden: Chronisches krank-Arbeiten erhöht das Burnout-Risiko und kann zu dauerhaften Erkrankungen führen.

Eine Studie der Universität Jena schätzt, dass Präsentismus die deutsche Volkswirtschaft mehr als 27 Milliarden Euro pro Jahr kostet – mehr als Absentismus.

Ursachen von Präsentismus

Arbeitsbezogene Ursachen

  • Hoher Arbeitsdruck und Angst, Aufgaben liegen zu lassen
  • Angst vor negativen Konsequenzen bei Krankmeldung (Abmahnung, schlechtere Beurteilung)
  • Unersetzlichkeit – das Gefühl, dass nur man selbst die Aufgaben erledigen kann
  • Fehlende Vertretungsregelungen
  • Nähe zum Arbeitsplatz (Homeoffice macht es leichter, trotz Krankheit zu arbeiten)

Persönliche und kulturelle Ursachen

  • Pflichtbewusstsein und Loyalität gegenüber Kollegen und Unternehmen
  • Sorge um den Arbeitsplatz (besonders in der Probezeit oder bei befristeten Verträgen)
  • Kulturelle Prägung: „Durchbeißen" als Tugend
  • Einkommensverlust (besonders bei variablen Vergütungsbestandteilen)

Organisationale Ursachen

  • Unternehmenskultur, die Anwesenheit höher bewertet als Ergebnisse
  • Fehlende Krankmeldungskultur
  • Anwesenheitsboni oder andere finanzielle Anreize für Präsenz
  • Mangelndes Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Führungskräften

Präsentismus und Homeoffice

Mit der Zunahme von Homeoffice hat sich Präsentismus verschärft: Die Hemmschwelle, trotz Erkrankung zu arbeiten, sinkt, wenn man ohnehin zu Hause ist. Fehlende soziale Kontrolle und die Verschmelzung von Arbeits- und Privatsphäre verstärken den Effekt. Arbeitgeber sollten explizit kommunizieren, dass auch im Homeoffice gilt: Wer krank ist, soll sich krankmelden.

Maßnahmen gegen Präsentismus

Kulturelle Maßnahmen

  • Führungskräfte als Vorbilder: Wer sich als Chef krankmelden darf und tut, sendet ein klares Signal
  • Ergebnisorientierte Führung statt Anwesenheitskultur
  • Offene Kommunikation über Belastungen und Gesundheit

Organisatorische Maßnahmen

  • Klare Vertretungsregelungen, damit niemand unersetzlich ist
  • Realistische Arbeitsbelastung – Überlastung ist ein Präsentismus-Treiber
  • Kein Druck bei Krankmeldungen
  • Betriebliches Gesundheitsmanagement: Präventive Maßnahmen reduzieren Erkrankungen

Strukturelle Maßnahmen

  • Keine Anwesenheitsboni (sie fördern Präsentismus direkt)
  • Flexible Arbeitszeiten ermöglichen Erholung ohne vollständigen Ausfall
  • Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) für Rückkehrer nach langer Krankheit

Häufige Fragen (FAQ)

Ist Präsentismus strafbar?

Nein. Arbeitnehmer sind nicht verpflichtet, sich krankzumelden, solange sie arbeitsfähig sind – auch wenn sie sich nicht optimal fühlen. Allerdings verletzt ein Arbeitnehmer seine Sorgfaltspflicht, wenn er hochinfektiöse Erkrankungen in den Betrieb trägt.

Darf der Arbeitgeber kranke Mitarbeiter nach Hause schicken?

Ja – der Arbeitgeber hat aufgrund seiner Fürsorgepflicht das Recht, sichtlich kranke Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Bei ansteckenden Erkrankungen kann das sogar geboten sein, um andere Mitarbeiter zu schützen.

Wie misst man Präsentismus im Unternehmen?

Über Mitarbeiterbefragungen, die explizit nach dem Arbeiten trotz Krankheit fragen. Gängige Instrumente sind der Stanford Presenteeism Scale (SPS) oder der Work Limitations Questionnaire (WLQ).

Fazit: Gesundheitskultur als Produktivitätsfaktor

Präsentismus ist kein Zeichen von Einsatz – er ist ein Symptom einer dysfunktionalen Arbeitskultur. Unternehmen, die aktiv gegen Präsentismus vorgehen, investieren in ihre Produktivität, Qualität und die langfristige Gesundheit ihrer Belegschaft. Eine offene Krankmeldungskultur, realistische Arbeitsbelastung und konsequente Fehlzeitenmanagement-Ansätze sind dabei die wichtigsten Hebel.